Hermannslauf virtuell….  

Wenn wir schon einsam sind, dann bitte doch gemeinsam einsam. Das könnte das Motto der vielen virtuellen Läufe sein, die im Lockdown den Joggdown verhindern sollen. Jetzt hat es sogar den Hermannslauf erwischt.

Jenes legendäre Laufevent in Ostwestfalen, welches auf jedem der 31.100 Meter eine einzigartige Stimmung vermittelt. Nirgendwo sonst gibt es wohl einen so langen Zieleinlauf, der den Läufer mit famoser Aussicht auf die OWL-Metropole verwöhnt und ihn quasi in Bielefelds historisches Wahrzeichen hineinzieht. Ganz zu schweigen von dem Spalier der jubelnden Zuschauer. Leider ist dieses Ereignis in Zeiten der Pandemie genau deshalb ein absolutes No-Go.

Keine Frage, man könnte alleine laufend zumindest die Strecke genießen, aber diese kollektive Begeisterung  kann man beim besten Willen nicht virtuell imitieren und ersetzen. Gemeinschaftsgefühl ade! Ob es trotzdem eine gute Idee ist, an virtuellen Wettkämpfen teilzunehmen? Können wir sogar Erfahrungen sammeln, die uns tatsächlich schneller machen? Um der Sache auf den Grund zu gehen, habe ich mich auf die virtuelle Variante des ostwestfälischen Klassikers eingelassen.

Mit Vertrauen gewinnen

Die Kernfrage des virtuellen Wettkampfes ist zweifellos die Gewährleistung fairer Wettkampfbedingungen. Der Manipulation sind schließlich Tür und Tor geöffnet. Der Screenshot von App und Laufuhr als Nachweis der Wettkampfleistung ist, sagen wir mal vorsichtig, beliebig gestaltbar. Die Uhr merkt schließlich nicht, wer da eigentlich läuft oder ob der Läufer in Wahrheit auf dem E-Bike sitzt. Nie war es so einfach, sich Ruhm und Ehre zu verschaffen. Ich gebe zu, die Versuchung ist vorhanden. Fraglich ist, ob auch schon die bewusste Streckengestaltung (Gefälle, Rückenwind!), Auswahl der Startzeit (günstige Wetterbedingungen) oder gar die Begleitung durch einen lieben Mitmenschen auf dem Fahrrad sportlich fair ist. Die ganze Aktion lebt auf jeden Fall vom gegenseitigen Vertrauen und das ist doch mal eine ganz andere Erfahrung in der Welt des kontrollbewussten Laufsports. Letztlich glaube ich an das Gute im Menschen und laufe los.

Start aus der Komfortzone und andere Annehmlichkeiten

Spontan genieße ich vor dem Start zunächst den ungewohnten Luxus. Kein fester Starttermin, keine Schlangen vor den Dixi Klos, keine Terminhetze beim Abholen der Startunterlagen und zum ersten Mal in meinem Leben stehe ich quasi als Laufpromi ganz vorne an der Startlinie. Hier geht das Konzept des virtuellen Wettkampfes wirklich auf. Gar nicht schlecht, sehr komfortabel. Ein großes Plus ist auch die Option den Versuch wiederholen zu können. Innerhalb einer Zeit von vier Wochen kann man beliebig oft das Ergebnis korrigieren. Mal sehen, ob ich davon Gebrauch machen muss.

Bloß nicht auffallen

Auf der anderen Seite meldet sich aber eine kleine innere Blockade. Ich fürchte mich davor negativ aufzufallen, wenn ich aufdringlich keuchend durch die Gegend laufe. Sieht das nicht albern aus, erst recht mit einer Startnummer am Laufshirt? Die Startnummer bleibt diesmal lieber zuhause.

Durchhalten

Ohne jeden Wettkampf, ganz alleine so schnell zu laufen wie es geht und das für die nächsten drei Stunden. Fühlt sich irgendwie blöd an, es melden sich die üblichen Zweifel an das eigene Leistungsvermögen. Gegen diese Missstimmung hilft nur ein klares Ziel: Ohne Höhenmeter muss eine Hermannslauf-Bestzeit her – Ehrensache! Ich blicke auf meine Sportuhr, sie muss mich aus dem Motivationstief herausholen. Für die ersten Kilometer kontrolliere ich also akribisch meine Pace und versuche mich auf diese Weise anzutreiben. Allmählich erschließt sich mit jedem neuen Kilometer, dass man beim virtuellen Wettkampf eine sehr wichtige Fähigkeit trainieren kann: Disziplin und die perfekte Fokussierung auf das Ziel, also Durchhaltevermögen.

Kein Scheingefecht

Als ich endlich die Stopptaste auf meiner Laufuhr drücken darf, spüre ich mit jeder Muskelfaser, dass der Begriff „Virtueller Wettkampf“ eine krasse Untertreibung ist. „Virtuell“ war der Lauf überhaupt nicht. Ganz real bin ich bei meinem ersten Hermannslauf ohne Tönsberg und Co noch nie so schnell 31.100  Meter gelaufen. Eine tolle Sache – nicht nur zum Schein!

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