Oft wird es beklagt: die autogerechte Stadt opfert schon seit Generationen Wohnlichkeit und die zunehmend kleiner werdenden Reste naturnahe Rückzugsräume dem motorisierten Vorwärtsdrang.

Dabei sind wir Läufer doch der beste Beweis dafür, wie weit man es mit den eigenen zwei Beinen bringen kann. Ein verfehltes Konzept also? Andererseits erwarten wir wie selbstverständlich, dass Laufschuhe, Sportuhr und das unvermeidbare süße Gel auf effizienteste Weise ohne Verzögerungen zu uns gebracht werden.

Die Kohlbrandbrücke kann man in diesem Sinne nicht nur als Wahrzeichen Hamburgs, sondern schon als symbolischen Ort dieser alles dominierenden unbeirrbaren Transportlogistik verstehen. Sie ist für sanftere Fortbewegungsarten konsequent gesperrt und überspannt mit der Köhlbrandinsel, einen echten Hotspot des Welthandels. Es erscheint schon eine schräge Idee zu sein, nur für ein belangloses Laufvergnügen dem Welthandel ein Stoppsignal zu geben! Am 3. Oktober gab es aber zum 15. Mal trotzdem die Gelegenheit, kollektiv, für eine kurze Zeit in diesen Kosmos läuferisch einzudringen und zumindest für einen Moment, genau diesem Hotspot eine Atempause zu verschaffen.

Dieses anspruchsvolle Vorhaben lockte diesmal immerhin über 6.000 Finisher nach Hamburg, mehr als die Brücke und das Startgelände am Terminal des Windhukkais fassen können. Die Veranstalter führen deshalb eigentlich drei Volksläufe durch, da je ein Drittel der Teilnehmenden um 09.00, 12.00 und 15.00 Uhr startet!

251031 KÖHL

Der amtlich vermessene 12,3 Kilometer lange Kurs über die zweitlängste Straßenbrücke Deutschlands ist dabei als Wendepunktstrecke angelegt, mit Wendepunkt unterhalb Deutschlands längster Autobahn A7. So kann man die Aussicht von der über 50 m hohen Brücke auch auf dem Rückweg intensiv genießen. Es dauert aber ein bisschen, bis man nach der Startlinie endlich die filigran wirkenden 88 Stahlseile der Brücke erblicken kann, die von riesigen Stahlträgern gehalten werden. Oben angekommen merkt man, dass der Preis, den man für den Ausblick auf Hamburgs industrielles Zentrum und die Skyline zahlt, ca. 120 Höhenmeter sind, die in zwei langgezogenen Steigungen bewältigt werden wollen. Andererseits ist das Gefälle auf dem Rückweg wiederum ideal, um bei heute bestem Laufwetter mit ungeahnter Geschwindigkeit ins Ziel zu rollen. Das wurde uns mit dem 2. Platz in der Teamwertung sogar amtlich bestätigt. So hat uns der

Köhlbrandbrückenlauf ganz beiläufig gezeigt, wie man am besten läuft: von A nach B.

Weitere Infos hier: https://www.koehlbrandbrueckenlauf.de/info/